
Du weißt ungefähr, wann dein Buch erscheinen soll. Dein Manuskript ist schon weit fortgeschritten, vielleicht fehlt nur noch die letzte eigene Überarbeitung. Und irgendwann steht natürlich auch das Lektorat an.
Viele Autorinnen und Autoren denken an diesem Punkt: Erst mache ich den Text wirklich fertig. Dann kümmere ich mich um einen Termin.
Das ist verständlich. Schließlich möchtest du dein Manuskript nicht zu früh aus der Hand geben. Trotzdem kann genau diese Reihenfolge später für unnötigen Zeitdruck sorgen.
Denn zwischen einem weitgehend fertigen Manuskript und einem veröffentlichungsreifen Buch liegt oft noch einiges. Und manches davon lässt sich nur schwer auf den Tag genau planen.
Nach dem Lektorat ist dein Manuskript noch nicht automatisch fertig
Ein Lektorat gehört zu den letzten großen Schritten vor der Veröffentlichung. Aber es ist nicht der allerletzte.
Wenn du dein Manuskript zurückbekommst, beginnt für dich häufig noch einmal eine intensive Phase. Manche Anmerkungen lassen sich schnell umsetzen. Andere betreffen mehrere Szenen oder ziehen sich sogar durch den ganzen Roman.
Vielleicht wird deutlich, dass die Motivation einer Figur an einer entscheidenden Stelle noch nicht trägt. Vielleicht wird ein Konflikt zu früh entschärft. Oder ein Twist funktioniert grundsätzlich, aber die Hinweise davor sind entweder zu deutlich oder so unauffällig, dass die spätere Auflösung nicht vorbereitet wirkt.
Gerade solche Punkte lassen sich selten mit einer einzelnen Änderung erledigen.
Wenn ich beispielsweise in einem Thriller feststelle, dass eine Figur eine bestimmte Information zu früh erhält, betrifft das oft nicht nur diese eine Szene. Ihr Wissen beeinflusst ihre Reaktionen, ihre Entscheidungen und möglicherweise auch spätere Verdachtsmomente.
Ähnlich ist es bei Fantasy und Science-Fiction. Eine unklare Regel im Worldbuilding kann an einer Stelle ganz unscheinbar wirken. Später hängt aber vielleicht eine wichtige Entscheidung der Figuren genau von dieser Regel ab.
Dann reicht es nicht, nur einen Satz umzuschreiben.
Deshalb ist die Zeit nach dem Lektorat so wichtig. Du sollst nicht einfach Kommentare abarbeiten, sondern in Ruhe prüfen können, welche Änderungen deinem Roman wirklich guttun.
Wenn du gerade an dem Punkt bist, an dem du dein Manuskript selbst schon mehrfach überarbeitet hast und trotzdem nicht mehr recht weiterkommst, findest du dazu auch meinen Beitrag „Überarbeiten: Wann eigenständiges Überarbeiten aufhört zu helfen“.
Du musst mit der Anfrage nicht warten, bis alles fertig ist
Für das eigentliche Lektorat sollte dein Manuskript natürlich so weit sein, dass eine Bearbeitung sinnvoll ist. Für die Terminplanung gilt das nicht unbedingt.
Wenn Genre, ungefährer Umfang und dein geplanter Veröffentlichungszeitraum bereits absehbar sind, kannst du dich ruhig schon früher nach einem Termin erkundigen. Du musst also nicht warten, bis jeder Satz sitzt.
Das ist gerade dann sinnvoll, wenn du zu einem bestimmten Zeitpunkt veröffentlichen möchtest. Denn ein gutes Lektorat braucht Zeit und Konzentration. Deshalb kann ich pro Jahr nur eine begrenzte Anzahl größerer Manuskripte annehmen. Viele Lektorinnen und Lektoren sind mit umfangreicheren Lektoraten bereits Monate im Voraus ausgebucht.
Eine frühe Anfrage bedeutet dabei nicht, dass dein Manuskript sofort ins Lektorat gehen muss. Wir können zunächst schauen, wann es voraussichtlich fertig sein wird und welcher Bearbeitungszeitraum zu deinem weiteren Veröffentlichungsplan passt.
Sobald du dich für die Zusammenarbeit entschieden und den Auftrag bestätigt hast, halte ich den vereinbarten Zeitraum verbindlich für dein Manuskript frei. So weißt du, dass dein Termin fest eingeplant ist, und ich kann die nötige Zeit für dein Projekt entsprechend einplanen.
Warum ich bei der Planung nicht nur auf die Seitenzahl achte
Natürlich spielt der Umfang eines Manuskripts eine Rolle. Aber die reine Zahl der Normseiten sagt noch nicht besonders viel darüber aus, wie aufwendig ein Lektorat tatsächlich wird.
Ein Roman mit 250 Normseiten kann deutlich mehr Arbeit erfordern als einer mit 350.
Entscheidend ist für mich, was im Text passiert und wie hoch der Aufwand ist.
Bei manchen Manuskripten liegt der Schwerpunkt vor allem auf Sprache und Stil. Bei anderen geht es zusätzlich stark um Figurenentwicklung, Perspektive, Dramaturgie, Informationsvergabe oder innere Logik.
Gerade bei Spannungsliteratur hängt vieles miteinander zusammen.
Wenn ein Twist nicht funktioniert, liegt das Problem zum Beispiel oft gar nicht im Twist selbst. Vielleicht wurde vorher zu viel erklärt. Vielleicht fehlt eine Information, die die spätere Entwicklung plausibel machen würde. Oder eine Szene baut eine Erwartung auf, die der weitere Plot anschließend nicht mehr einlöst.
Das sind genau die Punkte, bei denen ich nicht nur auf einzelne Seiten schaue, sondern auf das Zusammenspiel des gesamten Manuskripts.
Deshalb plane ich ein Lektorat nicht einfach nach dem Prinzip „so und so viele Seiten pro Tag“. Ich brauche ausreichend Zeit, um Zusammenhänge zu prüfen und den Text als Ganzes im Blick zu behalten.
Der Veröffentlichungstermin liegt oft näher, als man denkt
Angenommen, du möchtest Anfang Dezember veröffentlichen.
Dann klingt ein Lektorat im November zunächst vielleicht völlig ausreichend.
Aber nach dem Lektorat folgt deine Überarbeitung. Danach sollte das Korrektorat kommen. Anschließend stehen je nach Veröffentlichungsweg noch Buchsatz, E-Book-Erstellung, letzte Korrekturen, Coveranpassungen und der Upload an.
Und manchmal verschiebt sich ein Schritt, weil der vorherige mehr Zeit braucht als gedacht.
Vielleicht änderst du nach dem Lektorat doch noch mehrere Szenen. Vielleicht fallen im Korrektorat Stellen auf, die du noch einmal anfassen möchtest. Oder durch den Buchsatz verändert sich der Seitenumfang und damit auch die Rückenbreite des Covers.
Das sind keine ungewöhnlichen Probleme. Sie gehören zu einem Buchprojekt dazu.
Mit etwas Puffer lassen sie sich gut auffangen. Wenn der Zeitplan ohnehin schon sehr eng ist, entsteht dagegen schnell Druck.
Und gerade bei der letzten Überarbeitung ist Druck selten hilfreich.
Wenn du einen festen Veröffentlichungstermin hast, lohnt es sich, rückwärts zu denken
Nicht jedes Buch braucht einen festen Erscheinungstermin.
Wenn du aber beispielsweise vor Weihnachten, zu einer Messe oder zu einem anderen bestimmten Zeitpunkt veröffentlichen möchtest, lohnt es sich, nicht erst beim Lektorat anzufangen zu rechnen.
Schau gedanklich vom Veröffentlichungstermin zurück.
Wie viel Zeit möchtest du für deine Überarbeitung haben? Wann sollte das Korrektorat abgeschlossen sein? Wann müssen Satz und E-Book fertig sein?
Es geht dabei nicht darum, jeden Schritt auf den Tag genau durchzutakten.
Es geht darum, dir genug Raum zu lassen.
Denn ein Lektorat soll nicht dazu führen, dass du dein Manuskript anschließend möglichst schnell „fertig machen“ musst. Im besten Fall gibt es dir noch einmal einen neuen Blick auf deinen Text.
Und dieser Blick braucht manchmal ein bisschen Zeit.
Genau deshalb lohnt es sich, den Lektoratstermin nicht erst ganz am Ende zu planen.
Schreibe einen Kommentar