
Wenn eine Geschichte eine tragende Leitfrage hat, wirkt sie wie ein Strom, der unter dem Text verläuft. Aber jede Szene ist ein kleiner Knotenpunkt in diesem Fluss. Hier entscheidet sich, ob die Spannung weitergetragen wird – oder versandet.
In den ersten beiden Teilen dieser Reihe ging es darum, wo Spannung entsteht und wie Leitfragen sie tragen. Jetzt zoomen wir näher heran. Nicht mehr auf die Struktur des ganzen Romans, sondern auf das, was direkt vor unseren Augen passiert: Absatz für Absatz. Entscheidung für Entscheidung.
In diesem dritten Teil konzentrieren wir uns darauf, wie Spannung im Kleinsten entsteht: direkt im Absatz, im Dialog, in den Entscheidungen der Figur.
Spannung braucht Reibung statt Tempo
Eine Szene ist nicht spannend, nur weil sie schnell ist. Tempo ist nicht gleich Druck.
Eine Szene kann ruhig sein und trotzdem tragen, wenn zwei Dinge gleichzeitig wahr sind:
- Das Offene ist spürbar.
- Eine Entscheidung steht im Raum, auch wenn sie noch nicht gefällt wird.
- Es gibt etwas zu verlieren.
Spannung entsteht nur dort, wo Risiko mitschwingt.
Wo eine Figur einen Preis zahlen könnte.
Wo ein falsches Wort, ein Schritt zu früh oder zu spät Konsequenzen hätte.
Ein Beispiel aus dem Lektorat:
Zwei Figuren sitzen in einer Küche. Nichts passiert. Keine Verfolgung, keine Explosion, kein Twist. Und doch kann die Szene kribbeln, wenn wir wissen:
Sie hat etwas zu gestehen.
Er stellt keine Fragen.
Und wir warten, weil dieser Moment Folgen haben könnte.
Die Spannung liegt nicht im Geschehen, sondern im Risiko. In der Möglichkeit, dass die Figur etwas verliert.
Drei Elemente, die Szenen tragen
Damit die Spannung auch deutlich spürbar ist, lohnt es sich, auf die folgenden drei Punkte zu achten:
1. Ziel der Figur
Eine Szene hat dann Gewicht, wenn jemand etwas will. Es darf ein großes Ziel sein – „überleben“, „die Wahrheit finden“ – oder ein kleines: „nicht auffallen“, „den Blick vermeiden“, „Zeit gewinnen“.
Sobald ein Ziel existiert, besteht auch die Möglichkeit des Scheiterns. Und das ist Spannung in ihrer reinsten Form.
2. Hindernis
Ohne Reibung verflacht ein Text. Das Hindernis muss nicht dramatisch sein. Es reicht, wenn es stört.
Ein Schlüssel, der nicht ins Schloss passt.
Ein Wort, das nicht gesagt wird.
Ein Zweifeln, das die Handlung verzögert.
Nicht die Größe des Hindernisses entscheidet, sondern seine Relevanz.
3. Konsequenz
Warum ist diese Szene wichtig? Was bedeutet es, wenn sie gelingt, und was, wenn nicht? Wenn es keine Konsequenz gibt, fühlt sich eine Szene wie Füllstoff an. Wenn jedoch etwas auf dem Spiel steht, wird jeder Satz wichtig.
Mikro-Spannung: der innere Strom
In der Schreibtheorie spricht man häufig von „microtension“, der Spannung im Kleinsten. Sie muss nicht spektakulär sein, um zu wirken. Sie entsteht, wenn ein Text bewusst offen bleibt.
Beispiele für Mikro-Spannung:
- Ein Gedanke, den die Figur unterbricht.
- Ein Lächeln, das nicht zur Situation passt.
- Ein Detail, das irritiert, weil es nicht erklärt wird.
- Ein Dialog, in dem jemand ausweicht, statt zu antworten.
Nichts davon löst sofort ein Rätsel. Aber es öffnet Fragen, und genau das hält die Leser*innen im Text.
Mikro-Spannung ist wie ein feiner Faden: kaum sichtbar, aber spürbar, weil er immer ein Stück weiterzieht.
Mini-Übung:
Nimm eine beliebige Szene aus deinem Manuskript, nicht die größte, nicht die lauteste, irgendeine.
Beantworte dann drei Fragen:
- Was will die Figur in diesem Moment?
- Was steht ihr konkret im Weg?
- Welche Konsequenz entsteht, wenn sie hier scheitert?
Wenn du zu einer Frage keine Antwort findest, weißt du, wo du ansetzen kannst.
Eine Szene wird nicht stärker, weil du sie ausschmückst, sondern weil du diese drei Kräfte justierst.
Fazit
Spannung braucht kein Feuerwerk. Sie braucht Ausrichtung. Ziel. Hindernis. Konsequenz. Und im besten Fall ein leichtes Kribbeln zwischen den Zeilen.
Wenn Teil 1 die Grundlage legt („Spannung beginnt im Kopf“), und Teil 2 die Frage formt, die trägt, dann zeigt Teil 3, wie dieser Strom im Kleinen wirkt.
In jeder Szene.
In jedem Blick.
In dem, was noch nicht gesagt wurde.
Es sind nicht die Effekte, die ziehen. Sondern das, was im Inneren mitschwingt und nicht zur Ruhe kommt. Genau dort entsteht Spannung.
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