Wie schreibt man spannende Figuren?

Eine Person blickt mit geweitetem Auge durch einen schmalen Türspalt. Daneben steht der Text „Spannung wächst im Inneren“.

Innere Konflikte, Fallhöhe und emotionale Spannung

Spannung wird oft mit äußeren Ereignissen verwechselt: Explosionen, Verfolgungsjagden, Bedrohungen. Doch echte Spannung entsteht nicht im Außen, sondern im Inneren einer Figur. Sie entsteht, wenn etwas auf dem Spiel steht, das persönlich ist. Das muss kein Leben-und-Tod-Dilemma sein. Auch ein einziger Satz kann alles verändern, wenn der Mensch dahinter nicht sicher ist, ob er ihn aussprechen soll.

Im Lektorat sehe ich das häufig: Die Handlung funktioniert, aber es fehlt das, was uns fesselt: die innere Bewegung, die Reibung, der Wunsch und die Angst davor.

Äußere Gefahr bewegt die Szene.
Innere Gefahr bewegt uns.


Was macht eine Figur wirklich spannend?

Eine Figur ist nicht spannend, weil ihr etwas passiert.
Sie wird spannend, wenn sie etwas zu verlieren hat.

Das kann vieles sein:

• eine Beziehung
• Selbstachtung
• ein Geheimnis
• ein Wunsch, den sie kaum zuzugeben wagt
• ihr Bild von sich selbst

Spannung entsteht, wenn zwei Kräfte gegeneinanderarbeiten: Wunsch und Widerstand. Wenn sie etwas will und gleichzeitig das fürchtet, was es kostet.

Der Plot treibt die Geschichte voran.
Die Figur mit ihrem inneren Druck zieht uns hinein.


Innere Konflikte sind das Fundament

Ein innerer Konflikt ist nicht einfach „Sie zögert“.
Ein innerer Konflikt entsteht, wenn zwei unterschiedliche Bedürfnisse gleichzeitig wahr sind.

Beispiel:
Sie will ehrlich sein.
Sie will geliebt bleiben.

Beides fordert seinen Preis.
Wenn du Figuren entwickelst, lohnt sich die Frage:

Was will die Figur – und warum hat sie Angst, es zu bekommen?

Diese Spannung trägt weiter als jeder Showdown.
Weil sie nicht von außen kommt, sondern aus der Figur selbst.


Fallhöhe: der unterschätzte Schlüssel

Spannung braucht Risiko. Nicht zwingend Gefahr – sondern Verlustmöglichkeit.

Fallhöhe bedeutet nicht, dass alles zerstört werden muss.
Fallhöhe bedeutet, dass die Figur nicht unversehrt bleiben darf.

• Wenn sie schweigt, verliert sie etwas.
• Wenn sie spricht, verliert sie etwas anderes.
• Beides kostet etwas und beides ist riskant.

Spannung entsteht, wenn jede Wahl teuer ist.

Im Lektorat achte ich deshalb oft zuerst auf diese Punkte:
Welche Entscheidung tut weh? Und warum? Wie groß ist die Fallhöhe?


Innere Spannung sichtbar machen, ohne sie zu erklären

Manchmal ist der innere Konflikt klar gedacht, aber er taucht nicht im Text auf und Lesende spüren dann eine Leerstelle.

Die innere Spannung wird nicht durch Erklärungen sichtbar, sondern durch:

• Handlungen, die innere Konflikte zeigen
• verräterische Körpersprache
• stockende Gespräche
• unbequeme Entscheidungen

Nicht beschreiben, sondern zeigen.

Beispiele:

Sie sagt „Ich bin nicht wütend“, aber sie antwortet erst am nächsten Tag.
Er liest die Nachricht, tippt, löscht, tippt, löscht.
Sie lächelt – nur mit dem Mund, nicht mit den Augen.

Das sind keine großen Gesten.
Aber sie tragen Gewicht.


Schreibtechnik: So baust du innere Spannung bewusst auf

Wenn du eine Szene schreibst, kannst du dir vor Beginn drei Leitfragen notieren:

• Was will die Figur in dieser Szene?
Nicht allgemein. Ganz konkret.
Ich will gehen. Ich will bleiben. Ich will, dass er es sagt.

• Was hält sie davon ab?
Angst, Loyalität, Scham, Pflichtgefühl – das echte Hindernis liegt selten im Außen.

• Welche minimale Handlung macht den inneren Druck sichtbar?
Ein Blick, ein fehlender Anruf, ein Satz zu viel oder einer zu wenig.

Spannung wächst, wenn sie im Kleinen zu greifen ist.


Mini-Übung:

Nimm eine Szene aus deinem Manuskript, in der Spannung fehlt.
Dann beantworte diese Fragen schriftlich:

• Was steht emotional auf dem Spiel?
• Welche Entscheidung wäre mutig, aber gefährlich?
• Was könnte die Figur tun, obwohl sie sich davor fürchtet?

Schreibe die Szene noch einmal.
Weniger Action, mehr Reibung.

Hat sich die Szene verändert?


Fazit

Spannende Figuren entstehen nicht durch Handlung, sondern durch innere Bewegründe.
Wenn etwas wichtig ist – und gleichzeitig schwer.
Wenn Wünsche und Ängste kollidieren.
Wenn Entscheidungen einen Preis haben.

Spannung darf subtil aufgebaut werden.
Sie entsteht im Stillen, und nicht erst bei der Explosion.
Im Riss, und nicht im Sturz.
Im Blick, und nicht im Schrei.

Und genau das bleibt im Kopf.

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